Mündliche Weitergabe ist…

… wertvoll. Heutzutage sind wir es gewohnt, im Internet nach Wissen zu suchen. Es wird “gegoogelt”, KI befragt, Wikipedia konsultiert oder ein YouTube-Tutorial geschaut, etc. Aber das ist erst im 21. Jahrhundert die Normalität. In meiner Jugend gab es Lexikas und Bücher, in denen man nach Wissen stöbern konnte. Meine Oma lehrte mich jedoch, wie wichtig es ist, Wissen mündlich weiterzugeben.

Foto aus: Die Vintschger Typenlehre. Sich selbst und andere besser verstehen, 2011

Wer mit Pflanzen arbeitet oder selbst Wildkräuter sucht, kann es nachempfinden: Weder ein Youtube-Tutorial noch eine noch so detaillierte schriftliche Erklärung ist so viel wert, wie wenn ein erfahrener Mensch dich darin einweist. Es gibt so viele praktische Tipps, die dir nur jemand geben kann, der im gleichen Umfeld mit dir lebt und dir sein Wissen und seine Erfahrungen persönlich weitergibt. Dass z.B. in deinem Garten wahrscheinlich die Karotten nicht so gut wachsen werden aufgrund der Bodenbeschaffenheit genau an diesem Ort, dass nicht weit von dir ein Plätzchen ist, wo du den besten Spitzwegerich holen kannst…

Oder habt ihr schon mal erlebt, wenn jemand euch ein Kochrezept verrät? Oder euch genau anweist, wie man z.B. Nudel selbst herstellt oder Brot backt? Vielleicht sich sogar die Zeit nimmt, euch über die Schulter zu schauen, eure Griffe zu korrigieren und euch Tipps zu geben, die einem oft nur während dem Kochen einfallen?
Ist ein großer Unterschied zu einem Youtube-Video oder einem Rezept, das man im Internet oder in einer Zeitschrift gefunden hat, nicht wahr?

Welchen Stellenwert hat heute die mündliche Weitergabe?

In alten Kulturen überall auf der Welt ist die mündliche Überlieferung der Weisheiten eines Stammes oder Volkes, das gelebte Wissen, die Standardform der Weitergabe von Wissen. In unserer Kultur hingegen hat die schriftliche Weitergabe schon seit Längerem die mündliche Überlieferung verdrängt - und wenn nicht verdrängt, dann auf alle Fälle wird die erste viel wichtiger als die zweite eingestuft. Doch gerade dank der mündlichen Weitergabe ist wichtiges Wissen erhalten worden – ob nun bezüglich der Hausapotheke, Gesundheits-Tipps, der Kräuter, der Hauswirtschaft, der Handarbeit, aber auch der Sagen, die nicht nur für mich ein Fenster zu anderen Zeiten sind.

Sagen - ein Zeitfenster. Foto aus: Die Vintschger Typenlehre. Sich selbst und andere besser verstehen, 2011

Die Art und Weise der Überlieferung

… unterscheidet sich von der schriftlichen Wissensweitergabe sehr - vor allem bei Weltanschauungen und Glaubensvorstellungen.

  • Da wird sie mit Ritualen verbunden.

  • Oder mit nonverbalen Handlungen – wie z.B. dem Aufstellen eines Christbaumes, dem Räuchern am 6. Januar, dem Feiern der Lichtmess, etc.

  • Das Wissen wird in in Liedern verpackt, also mit einer Melodie verbunden.

  • Meine Oma hat oft Assoziationen und Analogien verwendet, um Bilder zu schaffen, an die ich mich leichter erinnern kann. Dabei hat sie sich oft an meine Welt angepasst. Ich liebte das Puzzle-Spiel und sie hat mich oft dabei beobachtet. So hat sie das Beispiel des Puzzle verwendet, um mir eine wichtige Lebenslektion beizubringen, obwohl sie noch nie in ihrem Leben Puzzle gespielt hat. Damit hat sie mir etwas sehr Wichtiges erklärt, auf das ich gerne ein anderes Mal genauer eingehen werde…

  • In der Volksheilkunde kennen wir bis heute Sprichwörter und Reime, mit denen Weisheiten weitergegeben wurden. Berühmt sind natürlich die Besprechungen von Warzen oder das Blutstillen.

All dies prägt sich leichter ins Gedächtnis ein, als die Worte und Formeln eines Schulbuches, die wir für einen Test lernen mussten, oder ein YouTube-Video, das wir gesehen haben, nicht wahr?

Für die mündliche Wissensweitergabe ist es auch nicht nötig, dass man Lesen oder Schreiben kann. So hat mir meine Oma erzählt, dass ihre Großmutter, also meine Ur-Ur-Großmutter, gar nicht Lesen und Schreiben konnte. Auch meine Oma hatte nur vier Jahre in ihrem Leben die Schule besucht. Aufgrund des weitergegebenen Wissens meiner Ahninnen war sie jedoch eindeutig das, was wir heute “eine weise Frau” nennen würden..

Mit mündlicher Überlieferung “ins Heute retten”

Natürlich kann man auch mit der mündlichen Weitergabe ein Wissen besser verstecken. Es gibt keine Spuren davon - außer im Kopf der Menschen, die es erhalten haben. Oft wurde das Fehlen schulischer Bildung automatisch als Ignoranz betrachtet. Das hatte zwar das Wissen der mündlichen Überlieferung diskreditiert, konnte jedoch noch einmal besser versteckt werden - etwas, was meine Ahninnen lange Zeit genutzt haben, denn darum ging es ihnen: Es in eine Zeit zu retten, an dem es nicht mehr so gefährdet war.

Sie sprachen immer davon, das Wissen ins “ins Heute zu retten”. Interessante Formulierung, nicht wahr? Zeit und Raum wird in unserer Weltanschauung anders ausgelegt. In diesem Sinne gibt es die Zukunft nicht, sondern immer nur das Heute, das Jetzt.

Lange Zeit habe ich nicht verstanden, wieso sie so ein großes Geheimnis daraus machte, warum es so wichtig war, dieses Wissen zu verstecken. Doch heute weiß ich: Im katholisch-konservativen Vinschgau in Südtirol war die letzten paar hundert Jahre so ein Wissen bestimmt nicht gefragt. Ein anderes Mal erzähle ich euch die Geschichte von der “Wibmer-Sekte” zwischen Kortsch und Schlanders - genau da, wo meine Oma herkommt, die mir das mehr als klar gemacht hat …

Wahr ist, hätte die Weitergabe nicht auf diese Weise stattgefunden, wäre das Wissen höchstwahrscheinlich HEUTE nicht mehr da.

Damit ist aber zur mündlichen Weitergabe noch lange nicht alles gesagt. Es wird also wohl einen Teil 2 dazu geben…

Bis dahin, alles Liebe und seid gesegnet

Eure Astrid

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Hauruck zum 1. Blogbeitrag!