DIE SCHATZTRUHE
Oder: Der Umgang mit dem Abschied.
Meine Ahninnen sind der Meinung, dass Tod nicht das Gegenteil vom Leben ist, sondern vielmehr das Gegenüber der Geburt: Man betritt mit diesem Leib durch das Tor der Geburt dieses Leben und verlässt es wieder durch das Tor des Todes. Es vergeht nur der Leib, das Leben selbst ist ewig. Es beginnt lange vor dem Eintritt durch die Geburt und hört nicht auf beim Austritt durch das Tor des Todes. Das Leben zwischen Geburt und Tod ist nur eines von unzähligen Kapiteln des ewigen Lebens.
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Meine Ahninnen lebten in einer Zeit, in der es keine Anweisungen brauchte, um der Seele des Verstorbenen zu helfen, die andere Seite zu erreichen. Sie wussten, dass die Seele 40 Tage brauchte, um sich vom Leib zu verabschieden – bei manchen geht es ganz schnell, manche Seelen verabschieden ihren Leib früher und manche brauchen wiederum die ganze Zeit.
Dieses Wissen hat sich auch auch in den monotheistischen Religionen erhalten
So dauert die Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern 40 Tage, und ist die Zeit, in dem es um den Tod und die Auferstehung Jesu geht. Auch das Gespräch zwischen Moses und Gott dauerte 40 Tage, das israelische Volk wanderte 40 Tage lang durch die Wüste und der Prophet Mohammed wurde im Alter von 40 zum Propheten berufen. Laut einigen islamischen Gelehrten wird dem Embryo im Mutterbauch erst am 40. Tag die Seele eingehaucht. Ebnfalls am 40. Tag gilt die Seele im Islam als endgültig verabschiedet.
Das Wissen meiner Ahninnen um den Abschied
Meine Oma hat mir das Wissen weitergegeben, um einerseits den Seelen Verstorbener zu helfen, das andere Ufer zu erreichen; andererseits diejenigen, die sie geliebt haben, zu unterstützen, um die Leere im Herzen schließen, die der Verstorbene hinterlässt.
KERZEN UND FRISCHE BLUMEN
Wichtige Elemente beim Abschied sind Kerzen und frische Blumen. Sie sind ja bis heute auch im christlichen Begräbnis wichtig. Kerzen leuchten den Weg „zum anderen Ufer über den Fluss“ und frische Blumen – oft in Form von Kränzen, die den Kreislauf des Lebens symbolisieren – erleichtern diesen Weg.
DER PLATZ IM HERZEN
Für jeden Menschen gibt es einen Platz im Herzen, der nicht durch einen anderen Menschen ersetzt werden kann. Wichtig ist, dass dieser Platz kein Loch wird, das Leid und Krankheit anzieht.
DAS TRAUERN
Für die Trauerzeit gibt es keine allgemeingültige, zeitlich vorgeschriebene Regel. Sie ist bei jedem Menschen anders.
Sie dauert, so lange sie dauert.
Es geht um das Gefühl der Leere im Herzen, das der Verlust eines Menschen „verursacht“ hat. Stelle dir dein Herz wie einen Raum vor, in dem es nun einen leeren Platz gibt. Dort stellst du eine Truhe hin. Du bist ab jetzt wie eine Braut, die die Mitgift für die Hochzeit in dieser Truhe vorbereitet.
In diese Truhe kommen farbige Tücher. Sie stehen für all die Erinnerungen und Gedanken, die in dir hochkommen, wenn du an den Menschen denkst, der nicht mehr da ist. Jedes Mal, wenn dir ein Gedanke oder eine Erinnerung zu diesem Menschen hochkommt, gibst du ein leuchtend farbiges Tuch in die Truhe. Immer wieder, immer neu.
Es müssen nicht nur deine eigenen Erinnerungen sein, sondern es können auch welche sein, die dir von anderen erzählt werden. Auch diese Tücher legst du in die Truhe. Du füllst sie, bis du eines Tages bemerkst, dass sie voll ist und du sie nur noch mit Mühe schließen kannst.Egal, wie lange es dauert.
Und jedes Mal, wenn der Schmerz dich übermannt und die Leere im Herzen wie ein bodenloses Loch erscheint, siehst du diese Truhe im Raum deines Herzens, die du immer wieder öffnen kannst. Dann kommen all diese bunten Tücher heraus und schmücken die ganze Leere.
Eines Tages, so hat mir Oma versichert, wirst du dich wieder an diesen Menschen erinnern, ohne dass Tränen fließen. Denn im Herzen – an diesem einen Platz – ist die Leere ein bunter, leuchtender Ort, der dir ein bittersüßes Lächeln auf dein Gesicht zaubert!
So ist es für mich heute, wenn ich an meine Oma denke.
DIE TRAUERFEIER
Sag allen, die mitmachen wollen, dass sie etwas für den Verstorbenen mitnehmen sollen. Das kann eine aufgeschriebene Erinnerung, ein Brief an ihn, ein kleiner symbolischer Gegenstand oder eine Zeichnung sein. Wichtig ist, dass die Dinge so klein sind, dass sie in eine physische Schatulle oder kleine Truhe passen.
Mache ein Feuer im Freien, denn auch die Natur nimmt an diesem Ritual teil. Bilde mit den Menschen, die mit dir den Verstorbenen verabschieden, einen Kreis um das Feuer in der Mitte. Ob ihr steht oder sitzt, ist egal.
Wie viele es sind, ist auch egal.
Stellt eine schöne Schatulle vor das Feuer, daneben ein Foto des Verstorbenen. Es ist ein Teil eures Kreises. Davor stellt ihr eine tatsächliche Schatulle oder kleine Truhe.Wer möchte, beginnt, über den Verstorbenen zu sprechen: über Dinge, die man ihm noch sagen wollte, Erinnerung mit ihm, die man teilen möchte, oder Gedanken und Gefühle. Es wird sich Zeit genommen, über den verstorbenen Menschen zu sprechen, auch wenn manche mehrmals sprechen.
Wichtig ist, dass der Mensch, der zu Ende gesprochen hat, vor dem Foto des Verstorbenen etwas hinlegt, zum Beispiel eine Kerze, frische Blumen oder einen Kranz.
Dann legt jeder sein Blatt Papier oder seinen Gegenstand in die Schatulle.
Alle dabei vergossenen Tränen sind kostbar, denn sie geben den Angehörigen Trost. Sie zeigen ihnen, dass der Verstorbene geliebt wurde, nicht nur von ihnen. Dass er etwas hinterlassen hat. Und auch dem Verstorbenen selbst helfen sie, denn sie zeigen ihm, dass er in anderen weiterleben wird. Somit ist jede einzelne Träne eine Hilfe auf seinem Weg durch das Tor des Todes.
DIE ZWEI SEELENBILDER
Das erste Seelenbild sind die beiden Tore - die Tore des Eingangs der Geburt und des Ausgangs des Todes. Das zweite Seelenbild, das meine Ahninnen verwendet haben ist eine Überfahrt über einen Fluss. Dies muss kein Widerspruch sein, denn die Überfahrt kann nach dem Gang durch das Tor erfolgen.DER ABSCHLUSS
Nachdem alle gesprochen haben, wird die Schatulle geschlossen und den Angehörigen übergeben.
Schließlich wünschen alle dem Verstorbenen gemeinsam "bon voyage" auf seiner Reise, die eben bis zu 40 Tage dauern kann. Darum redet man oft auch von einer Flussüberfahrt und einem Fährenmann. In alten Zeiten war es sogar eine Tödin, die den Verstorbenen begleitet. In meiner Erfahrung ist es der Erzengel Andon).
Danach können sich alle zusammensetzen und gemeinsam essen und trinken. Das ist zum einen die Botschaft an den Verstorbenen: “Geh in Frieden und mach dir keine Sorgen um uns, es geht uns gut.”
Andererseits ist es ein Signal für die Hinterbliebenen, dass sie noch hier sind, leben und einen Leib haben, dessen Durst und dessen Hunger in einer Gemeinschaft gestillt werden, die zumindest eines gemeinsam hat: die Liebe und/oder Bindung zum Verstorbenen.
Die Angehörigen entscheiden unter sich, wer die Schatulle mit nach Hause nehmen soll – in der Regel der Mensch, der am meisten unter der leiblichen Abwesenheit des Verstorbenen leidet und somit mit der Leere im Herzen am schwersten zurechtkommt.
Natürlich kann die Schatulle auch von Angehörigem zu Angehörigen wandern. Es wird vereinbart, wer sie wann haben kann. Sie ist dazu da, dass der Angehörige, wenn er traurig ist, in der Fülle dieser Schatulle stöbern kann, die Gegenstände in die Hand nehmen, die Papiere lesen und die Zeichnungen betrachten kann.Vielleicht hat er auch das Bedürfnis, die Menschen zu kontaktieren, die die Gegenstände in die Schatulle gelegt haben, um nochmals darüber zu sprechen und noch mehr Tücher in die Truhe seines Herzens zu geben.
Alternativ kann die Schatulle am 40. Tag nach dem irdischen Abschied, an einem Jahrestag des Todes, aber auch dem Geburtstag des Verstorbenen unter einem Baum vergraben werden, der an den Verstorbenen erinnert.
Man kann sie auch eingraben und einen Strauch, einen Baum oder etwas Ähnliches pflanzen, das immer an den Verstorbenen erinnert.
Ihr seid frei, diese Seelenbilder und Rituale - zur Gänze oder auch nur Teile davon - für euch zu übernehmen. Sie haben mir beim Abschied von meiner Oma und anderen sehr geholfen. Wie auch schon einigen Menschen, denen ich diesen Umgang mit dem Tod weitergegeben habe.
Denn: Es braucht schöne Rituale des Abschieds von Menschen, die durch das Tor des Todes schreiten, denn wenn sie auch im Herzen weiterleben, sind sie physisch nicht mehr da und werden entsprechend vermisst, nicht wahr?