Mündliche Weitergabe II
Im letzten Blogbeitrag habe ich euch begonnen, über die mündliche Überlieferung zu erzählen. Meine spirituelle Erziehung habe ich ja von meiner Oma erhalten - durch mündliche Weitergabe. Kein Wunder, dass ich mich im Laufe des Lebens immer wieder damit beschäftigt habe, nicht wahr? Über diese Form der Wissensweitergabe gibt es noch sooo viel zu erzählen…
Aus: Die Vintschger Typenlehre - Sich selbst und andere besser verstehen, 2011
Die Merkmale der mündlichen Weitergabe
So langsam werden die Vorteile dieser Art der Wissensweitergabe wiedererkannt. Hier, was sie auszeichnet:
Ein Gedankengang oder eine komplizierte Erklärung wird nie gleich wiederholt werden, sondern stets mit anderen Worten und Beispielen erklärt. Jedes Mal gibt es eine andere Herangehensweise.
Das Wissen ist im Gedächtnis des Menschen vorhanden, der es preisgibt - dementsprechend gefärbt durch seine Erfahrungen damit.
Es braucht einen Gesprächspartner, um das Wissen zu teilen. Was nicht nur den Vorteil für denjenigen hat, der das Wissen erfährt, sondern auch für denjenigen, der es hat, denn er macht es sich damit wieder bewusst und behält es besser im Gedächtnis.
Und das Wichtigste: Diese Weitergabe erfordert Vertrauen und darum Beziehung. Sie baut auf dem Respekt gegenüber dem wissenden einerseits, Offenheit gegenüber dem lernenden Menschen andererseits auf.
Mündliche Weitergabe in weiblicher Hand
In unserer Gesellschaft sind die Frauen seit jeher für die Beziehungsführung zuständig und darum auch die Meisterinnen darin. Oft liegt und lag die mündliche Weitergabe bei ihnen. Das hat zum einen dazu geführt, dass sie lange als “geschichtslos” galten, zum anderen, dass diese Art von Wissen als nicht so wertvoll erachtet wurde und damit erst zum Vorurteil der Geschichtslosigkeit von Frauen führte.
Tatsache ist, dass es lange Zeit eine Nische war, die vielen Frauen nicht genommen wurde und auch nicht genommen werden konnte - wenn wir mal von der Hexenverfolgung absehen. Aber für mein ererbtes Wissen gilt es auf alle Fälle.
Wie meine Oma schon sagte: Alles hat zwei Seiten - wie eine Medaille. So wurden Frauen oft darauf reduziert, aber das machte sie auch gut darin. Denn: Ein gutes Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden schafft die optimale Basis für die Aufnahmefähigkeit, nicht wahr?
Die Stärke der mündlichen Weitergabe
Großen Wert zu legen auf die Kommunikation und dabei auf das Gegenüber so gut wie möglich einzugehen - darin liegt die Stärke der mündlichen Überlieferung von Wissen.
Du kannst den Lernenden genau da abholen, wo er steht. Meine Oma hat das getan und vor ihr ihre Großmutter, die es wiederum von ihrer so erhalten hat. Die ganze Wissensweitergabe meiner Ahninnen baut darauf auf.
Die Vintschger Typenlehre als Teil dieses Weltbildes passt da gut hinein. Es braucht zum einen die Beobachtung mit allen Sinnen, aber nur im Austausch miteinander und mit dem Vergleichen der Beobachtungen wird man gut darin, den Typ vor sich zu erkennen.
Ein weiteres Merkmal der mündlichen Weitergabe ist in der Vintschger Typenlehre zu finden: So hat man z. B. keine Sicherheit, dass man sich selbst und andere genau erkennt. Kein Geburtsdatum oder sonst etwas, an das man sich festhalten kann.
Und es gibt auch nicht auf alle Fragen eine Antwort. So z. B. weiß ich nicht, wieso man als ein gewisser Typ auf die Welt kommt und wieso man im Laufe des Lebens nicht den Typ ändern kann. Die Antwort meiner Oma auf diese offenen Fragen war simpel:
„Es ist einfach so. Die Kopfeten müssen immer auf alles eine Antwort wissen. Der Roggen auf dem Feld ist auch schon gewachsen, bevor er wissenschaftlich untersucht worden ist, die Kinder sind auf die Welt gekommen, bevor man genau wusste, wie die Zeugung zustande kam.“
Danach zwinkerte sie mir zu und für sie war es gegessen.
Für mich heißt das auch, dass bei der mündlichen Weitergabe weder (sowieso nur künstliche) Sicherheiten noch alle Antworten für den Kopf bereitgestellt werden.
Und damit komme ich zu einem Merkmal des Lernens, das für mich bei der mündlichen Weitergabe möglich ist: Das Lernen mit allen Sinnen, das Verstehen über den Kopf hinaus mit Leib, Herz und Seele. Aus diesem Grund wird diese Form der Wissensweitergabe - egal, wie sie bewertet wird - niemals untergehen. Sie hat etwas zutiefst Menschliches und wird immer wieder andere Wissensweitergaben überdauern, wetten? ;-)
Und wenn man was vergisst?
Kennt ihr das?
“Das muss ich mir sofort aufschreiben, sonst vergesse ich es!”
Tja, das fällt mit der mündlichen Weitergabe natürlich weg;-)
Natürlich habe ich Einiges vergessen, was mir meine Oma beigebracht hat – wie auch sie und ihre Ahninnen vorher. Das hat meine Oma nie bekümmert. Heute verstehe ich ihre Gelassenheit, denn es geht bei der mündlichen Überlieferung nicht darum, ALLES zu behalten.
Es geht nicht um die Gesamtheit und auch nicht um die Ursprünglichkeit des Wissens.
Du nimmst auf und erinnerst.
Was du erinnerst, interpretierst du auf deine Weise, mit deinem Horizont.
Du ergänzt es mit deinen Erfahrungen und
gibst das Neue Alte wieder weiter.
Das ist eine Aufgabe von Kontrolle, von Richtig und Falsch – es ist eine Weiterentwicklung, ein work in progress ohne Ende.
Die Wissenschaft bezeichnet das als “strukturelle Anamnese” und erklärt es damit, dass das Gedächtnis eines Menschen eine gewisse Kapazität hat. Darum wird für die Gegenwart nicht relevantes Wissen ausgeschieden. Aber es ist so viel mehr…
Es wird gar nichts “ausgeschieden”, sondern nur wie die Wintersachen sorgfältig verwahrt;
kann durch bestimmte Kniffe und Auslöser wieder aktiviert werden.
Es wird immer genau das hereingeholt, was im Jetzt erforderlich ist.
Es kommt auch immer wieder sehr viel Neues dazu,
es ist immer authentisch mit den Lebenserfahrungen der Person verbunden, die das Wissen weitergibt und
wird ständig erweitert, “modernisiert”, den gegenwärtigen Lebenssituationen angepasst…
Durch die Beziehung, durch den Prozess, sich selbst mit seinem Horizont und seinen Erlebnissen einzubringen, kann die empfangende Person auch dieses Wissen besser verinnerlichen, wenn auch nicht so strukturiert wie bei der schriftlichen Weitergebe. Dafür kann man es besser im Leben umsetzen.
Der Widerspruch, über die mündliche Weitergabe zu schreiben
Fragt ihr euch spätestes jetzt, ob ich nicht ein lebender Widerspruch bin? Gerade ich, die ich so für die mündliche Weitergabe plädiere, bin Autorin geworden und schreibe gerne über mündlich überliefertes Wissen bzw. verschriftliche es sogar, damit es nicht verloren geht.
Nun, ich erhebe keinen wissenschaftlichen Anspruch, das ist das eine – und das andere: Ich leugne nicht, dass bestimmte Qualitäten dabei verloren gehen.
Dennoch liegt es mir auch weiterhin näher, diese uralte Art der mündlichen Weitergabe in Seminaren, Kursen und Transformations-Wochen fortzuführen und persönlich Wissen weiterzugeben.
Um was geht es mir?
Ich plädiere dafür, dass das eine neben dem anderen existieren darf und seine Berechtigung hat. Mündliche Überlieferung kann nicht durch schriftliche Weitergabe ersetzt, sondern nur ergänzt werden.
Damit möchte ich sicherlich nicht solide Ausbildungen diskreditieren, aber das Diplom oder sonst ein Wisch dieser Art sollte nicht wie bisher das alleinige Monopol darstellen, ein “Experte” in etwas zu sein.
Es geht mir um die Aufwertung der mündlichen Weitergabe und des damit verbundenen Wissens. Weil es nicht immer um Ausbildung und Titel geht, sondern schlicht und einfach darum, dass die Person weiß, was sie tut und jeder das sehen und erfahren kann – ob das nun fantastisch kochen, Kräuter erkennen und anwenden, handwerkliche Meisterwerke zaubern, jemanden pflegen oder Flachs brechen ist, die Kenntnis um den magischen Teil der Volksmedizin oder das geistige spirituelle Erbe, das ich von meiner Oma erhalten habe…