ADIEU MAMA❤️
Am Dienstag, den 21. Juli 2026 hat meine Mutter das irdische Kapitel ihres Lebens als Rosa Schwemm in Schönweger verlassen. Und ich – Tage danach – bin noch beim Verarbeiten, dass sie nicht mehr unter uns weilt. Es ist für mich nur natürlich, dass ich es schreibend tue. Aber ich könnte einfach einen Brief verfassen und ihn unter dem Rosenstrauch vergraben, den wir für sie pflanzen werden, nicht wahr? Mir ist es jedoch wichtig, dass auch im „world wide web“ eine Spur von ihr zu finden ist...
Man sagt immer:
Mutter hat man nur eine und wenn sie geht, dann tut das mit einem was.
Ich war immer davon überzeugt, dass das stimmt – unabhängig davon, ob man ein gutes oder schlechtes Verhältnis mit ihr gehabt hat. Dieser Spruch hat sich nun für mich bewahrheitet. Ich spüre, dass sich Einiges in mir tut. Es schließen sich weitere Kapitel mit ihr und es eröffnen sich andere. So bin ich zum Beispiel jetzt tatsächlich die Älteste in meinem Familienzweig. Zwar war ich inoffiziell schon länger das „Familienoberhaupt“, aber nun bin ich tatsächlich die Älteste – hingegen in meiner neu gegründeten Familie ist immer noch mein Mann fünf Monate älter als ich ;-)
Schleichende Veränderung
Abgesehen davon kommen einfach viele Gedanken hoch. Etwas, was mich sehr beschäftigt, ist, dass unsere Familie schon lange in alle Winde zerstreut ist. Früher haben alle an einem Ort gelebt und es war normal, dass die Menschen im eigenen Haus aufgebahrt wurden, man sich zum Rosenkranz-Beten traf, bis es soweit war, den Menschen im Familiengrab zu beerdigen. Die Leute, die den Mensch kannten, waren informiert, weil an der Kirche und an der Gemeindetafel die Informationen von Geburten und Todesfällen aufgeschlagen waren. Später kam noch die Anzeige in der Zeitung dazu und noch später im Trauerportal im Internet. Aber wie kann ich von diesem so wichtigen Ereignis wie dem Ableben meiner Mutter berichten, wenn sie „in der Fremde“ gestorben ist? Wenn es weder Rosenkranz-Beten, Beerdigung, Aufschlagen an öffentlichen Tafeln noch Beerdigung vor Ort gibt? Wenn Familie und Freunde ebenfalls nicht mehr nur an einem Ort sind?
Meine Lösung ist die, auf meiner eigenen Homepage und auf dem Blog der Hirtin an meine Mutter zu gedenken. Hiermit möchte ich einige meiner Gedanken und Erinnerungen an sie teilen…
Denn ich denke mir, dass es vielen Familien so geht. Es hat sich schleichend immer mehr verändert. Bei uns fing das schon mit der Option im Zweiten Weltkrieg an. Meine Familie mütterlicherseits wanderte nach Vorarlberg aus. Mama war damals sechs Jahre alt. Sie ging in Bludenz vier Jahre zur Schule, kam danach kurz zurück nach Südtirol und arbeitete schon in jungen Jahren als Kellnerin im Gastgewerbe. Sie war in Österreich, in Deutschland und dann auch wieder Südtirol saisonal beschäftigt und hörte erst zu arbeiten auf, als sie meinen Vater 1965 heiratete. Ich kam drei Jahre später auf die Welt und von da an war sie Hausfrau und Mutter. In ihrem Heimatort Kortsch war sie eigentlich nur wenige Jahre. Viele dort kennen zwar ihre Herkunftsfamilie, aber nicht unbedingt die „Rosi“.
Als mein Vater vor 13 Jahren in Bozen verstarb, war es noch einfacher. Er wurde dort eingeäschert, es gab einen „Partyzettel“, eine Todesanzeige und eine Beerdigung im Bozner Dom. Es kamen viele, die ihn kannten. Seine Urne wurde von meiner Mutter liebevoll aufbewahrt. Diese zog nach dem Tod ihres Mannes näher zu mir von Bozen nach Meran und als ich mich immer mehr in Sardinien als in Südtirol aufhielt, holte ich sie zu mir, als sie nicht mehr alleine in ihrer Wohnung in Meran lebensfähig war. Dabei flog sie zum ersten Mal mit mir in einem Flugzeug und ich entdeckte den abenteuerlichen Zug, den meine Mutter auch in sich trug.
Von Ort zu Ort
Nach einiger Zeit konnten leider mein Mann und ich nicht mehr die nötige Pflege ohne medizinische Begleitung gewährleisten und nach erfolgloser Suche in Südtirol und in Sardinien nach einem Altersheim, fand ich über eine Freundin die Stiftung von Padre Pio „Serena Senectus“ in Sessano del Molise.
Nun werden viele denken:
So weit unten in Italien und mitten unter fremden Leuten?
Aber so war es nicht. Molise ist erstens viel näher an Sardinien als Südtirol und zweitens zeichnet sich diese Struktur darin aus, nicht nur sieben Tage die Woche einen Arzt zu haben, sondern auch ausgebildete Krankenpfleger und vor allem sehr viel Menschlichkeit. Wenn es schon ein Altersheim sein musste, war es das Beste, was ich für meine Mutter wünschen konnte. Hinzu kam, dass die Tochter der Bettnachbarin immer bereit war, die Kommunikation mit Videocalls und Audionachrichten zu erleichtern. Sie ist meiner Mutter sehr ans Herz gewachsen.
Manchmal habe ich mir gedacht, dass es wohl kein Zufall ist, dass meine Mutter in frühen Jahren „in die Fremde“ kam und am Ende ihres Lebens wieder. Und wie beim ersten Mal hat sie es geschafft, sich an die neuen Lebensumstände anzupassen und einzugewöhnen, integriert und geliebt zu werden. Es war, als ob sich ein Kreis schließen würde.
Zudem kam, dass ein außergewöhnlicher Pater – fra Pio – für ihre geistige Gesundheit eintrat und uns ein lieber Freund wurde. Wir verdanken meiner Mutter nicht nur, das wunderschöne Molise entdeckt zu haben, sondern auch viele Menschen, die zu lieben Freunden geworden sind.
Wer war meine Mutter? Wer war Rosa Schwemm?
Wieder einmal bin ich dankbar für die „Schatztruhe“, dem Umgang mit dem Abschied, den ich von meinen Ahninnen gelernt habe. Können wir hier auf Erden überhaupt einen Menschen ganzheitlich wahrnehmen, auch wenn er einem noch so nahe ist wie eine Mutter? Oder hat man nur Sichtweisen und einzelne Puzzlestücke von ihr?
Mama war eine der Töchter meiner Großmutter und aufgrund des Tabus war sie vom Wissen der Hirtinnen ausgeschlossen.
Sie war die sechste von zwölf Kindern und hat auf sich aufmerksam gemacht, indem sie „brav“ war. In ihrer Familie war sie das „brave Rosele“, auf das sich meine Oma verlassen konnte, die ihr auch mal die Zahnarztrechnung bezahlte.
Sie war das junge pflichtbewusste Mädchen, das mit ihrem hart erworbenen Geld im Gastgewerbe die Ausbildung ihrer Brüder mitfinanzierte, „weil man das eben so machte“.
Sie war die stets freundliche und sehr beliebte Kellnerin, die bis ins späte Alter mit der einen oder anderen Frau, mit der sie in ihrer Jugend gearbeitet hatte, noch eine Freundschaft pflegte.
Sie hatte Verehrer, aber wollte sich ihrer Mutter zuliebe nicht auf jemanden einlassen, der nicht in der Nähe der Familie – also in Südtirol – lebte.
Sie heiratete meinen Vater und wollte eigentlich viele Kinder, aber bekam nach meiner Geburt eine lebensgefährliche Thrombose, sodass sie keine weiteren mehr bekommen konnte.
Sie war die lebenslustige Frau, die gerne mit ihren Schwestern im Garten meiner Oma zusammensaß und sich bräunte;
sie war aber auch die hilfsbereite Frau, die anderen half zu bügeln, zu putzen und auch auf Kinder aufzupassen.
Sie liebte Babys und trug sie gerne im Arm.
Sie pflegte meinen Vater selbstverständlich, als er mit fünfzig Jahren in den Rollstuhl kam, auch als sie selbst immer kränker wurde.
Sie legte Wert darauf auf ein gepflegtes Äußeres und auch eine schöne Wohnung zu halten.
Mama und ich
Mama und ich waren charakterlich sehr unterschiedlich. Wir hatten es oft nicht leicht miteinander und in meinen jungen Jahren eine schwierige Beziehung. Wir kamen uns erst näher, als mein Vater nicht mehr war, und ich kam sehr spät drauf, wieso meine Mutter oft so war, wie sie war. Von klein auf waren unsere Rollen oft verdreht und sie verlangte, dass ich auf sie schaute. Mama kam mir oft vor wie ein Kind, das nicht erwachsen werden konnte, weil sie nicht erhalten hatte, was sie dafür gebraucht hätte. Darum war es auch nicht möglich, alles mit ihr an- und auszusprechen. Und viele Dinge, die ich von Mama weiß, sind nicht aufgrund von Gesprächen zwischen uns entstanden, sondern habe ich nebenher oder von anderen erfahren. Die Zugänge zu ihr waren eher nonverbal, mehr im Handeln als im Reden. Aber es ist ein schönes Gefühl sagen zu können, dass zwischen uns nichts mehr offen und wir schon lange miteinander im Frieden waren.
Das Danach...
Genauso wie es für mich unendlich tröstlich ist zu wissen, dass sie friedlich heimgegangen ist. Ich war nicht rechtzeitig bei ihr, kam erst Stunden später, was mir in einem ersten Moment sehr weh getan hat. Dann wurde mir aber klar, dass Mama die letzten Jahre schon mehrmals versucht hatte zu gehen und es ihr nie gelungen ist, vielleicht auch, weil sie sich die Hilfe anderer dafür erhoffte? Dieses Mal wusste sie mich in der Nähe und das reichte ihr. Sie nahm es alleine in die Hand, ließ einfach los und hörte auf zu atmen. Unerwartet, innerhalb weniger Stunden. Mir wurde klar, dass sie mir zum Abschied damit sogar ein Geschenk gemacht hat.
Nun ist sie in ihrem angestammten Platz in meinem Herzen in einem Bild mit goldenem Rahmen, durch das ich zu ihr schauen kann – ähnlich wie bei Harry Potter mit den magischen Bildern, die sich bewegen. So sehe ich sie mit ihrer Herkunftsfamilie vereint und glücklich, wieder unter ihnen zu sein. Vor diesem Bild habe ich die Schatztruhe aufgestellt, lasse Erinnerungen hochkommen und rede mit den Menschen, denen ich mitteile, dass meine Mutter gestorben ist und die mir automatisch ihre Erinnerungen und ihre Sicht auf meine Mutter erzählen.
Ich bin meiner Mutter für Vieles dankbar und freue mich, dass sie so schnell und ruhig ihren Weg aus dem irdischen Leben in die ewige Heimat gefunden hat. Sie hat mich mehrmals in den letzten Jahren gefragt, ob ich wohl traurig sein werde, wenn sie eines Tages geht. Schon damals antwortete ich ihr:
Natürlich, Mama, ich werde traurig sein & dich betrauern, wie du es dir gewünscht hast und verdienst❤️
Ruhe in Frieden, liebe Mama!
Deine dich liebende Tochter Astrid